I.
Namhafte Werbe- und Medienunternehmen haben sich
zusammen-geschlossen, um die größte Sozialwerbekampagne (immerhin 32
Millionen Euro wert) in der Geschichte der Bundesrepublik zu
starten, mit der sie, unter Mitwirkung zahlreicher Prominenter, für
eine bessere „Stimmung im Lande“, für „gute Laune“, „Optimismus und
Selbst-vertrauen“ sorgen wollen, wozu großformatige Anzeigen in
Printmedien geschaltet sowie TV- und Kinospots gesendet werden. Zu
den Einzel-heiten der Kampagne siehe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Du_bist_Deutschland
II.
Die Kampagne bemängelt die Verzagtheit, die
schlechte Stimmung im Lande, die Deutschland schlecht redet. Sie
ergänzt damit in gewisser Weise das Gerede vom „Ruck, der durch
Deutschland gehen muß“ (Roman Herzog) um die Botschaft: Wenn man
sich als deutscher Mitbürger eine bedingungslos gute Laune – und
zwar in Sachen Deutschland – zulegt, dann wird die graue
Vergangenheit bald vergessen sein! Alles wird besser!
Das ist natürlich albern, daß die Stimmung
bezüglich einer – in diesem Fall gesellschaftlichen – Lage auch
schon die Lage selbst verändern würde, oder gar ihr Grund sein soll.
Wird das hundsmiserable Wetter dadurch besser, daß ich mir durch es
nicht die gute Laune nehmen lasse? Werde ich beispielsweise von
einem körperlichen Leiden dadurch geheilt, daß ich mir eine rosarote
Brille aufsetze und das ganze nicht so tragisch nehme? Wohl kaum.
Die Hauptbotschaft, ‚Denkt Euch die Welt schön – dann ist bzw. wird
sie auch schön!’ – ist grundverkehrt, verrät dafür aber viel über
das intellektuelle Niveau der Kampagne. Wenn die schlechte Laune das
Problem ist, dann muß die schlechte Laune weg, und dann geht es auch
Deutschland wieder gut! Alles klar... Nun mag man einwenden, daß es
sich doch bei Deutschland nicht um etwas naturgegebenes wie das
Wetter oder eine Krankheit handelt und deshalb der Vergleich etwas
hinkt. Nichtsdestotrotz gibt es sowas wie eine Objektivität der
gesellschaftlichen Verhältnisse – es ist schlicht objektiv
vorgegeben, welche Interessen in Deutschland etwas gelten und welche
Interessen weniger gelten – wobei diese Objektivität keine
Naturnotwendigkeit darstellt, sondern sie ist, quasi ersatzmäßig,
durch die Staatsräson bestimmt, die der Staat mithilfe seines
Gewaltmonopols dann auch durchsetzt und aufrechterhält. Die Ausübung
der staatlichen Gewalt ist notwendig, weil die gesellschaftliche
Lage durch soziale Gegensätze geprägt ist, die ohne laufende
Betreuung durch den Staat als solche gar nicht existenzfähig wären.
III.
An einigen Stellen des TV-Spots der Kampagne, z.B.
beim Auftritt der namenlosen Klofrau oder des namenlosen
Obdachlosenzeitungs-verkäufers, wird man unweigerlich an Monty
Python’s „Life of Brian“ erinnert, wo der Versatz-Jesus am Kreuze
hängend „Always look on the bright side of life“ singt – nur mit dem
klitzekleinen Unterschied, daß der Spot gar nicht ironisch gemeint
ist.[1]
Doch nun konkret zum „Manifest“, das gleichzeitig
den Text darstellt, der von den am TV-Spot Mitwirkenden vorgetragen
wird. Es beginnt folgendermaßen:
Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen,
der Windstoss, der durch seinen Flügelschlag verdrängt wird,
entwurzelt vielleicht ein paar Kilometer weiter Bäume. Genauso,
wie sich ein Lufthauch zu einem Sturm entwickelt, kann Deine Tat
wirken
Da wird den Leuten also erzählt, daß sie
möglicherweise nur ein Schmetterling sind, daß sie sich vielleicht
schwach fühlen, aber es wird ihnen versucht weiszumachen, daß wenn
sie ein bißchen wackeln irgendwo anders Bäume entwurzelt werden. Nun
weiß man zwar, daß z.B. die Hurricane, die gerade erst Amerika
heimgesucht haben, nicht von Schmetterlingen ausgelöst wurden,[2]
aber so eng darf man das offensichtlich nicht auffassen, es soll ja
nur ein Bild sein! Die Kampagnen-Macher bringen hier ein Bild, das
die ziemlich irrsinnige Behauptung beinhaltet: „Gerade ihr kleinen
Leute, die ihr wißt, daß ihr hierzulande nicht gerade viel zu
vermelden habt, gerade ihr könnt ungeheuer viel bewirken!“ Man muß
ja nur in die Zeitung gucken oder die Nachrichten im Fernsehen
sehen, um zu erkennen, wer in diesem Lande tatsächlich etwas zu
entscheiden hat; momentan wird beispielsweise über Merkels
Kabinettzusammensetzung gestritten, im Rahmen der
Koalitionsgespräche zwischen der CDU und SPD hat man sich just
darauf geeinigt, die Renten und Hartz-IV-Gelder zu kürzen, die
Telekom-Leitung hat gerade angekündigt 32.000 Stellen abzubauen,
Infenion beschloß vor kurzem, das Werk in München zu schließen usw.
Diesen Leuten, die für diese Entscheidungen verantwortlich sind und
über Millionen von Euros und Schicksalen (mit-)bestimmen, zu sagen,
daß sie etwas bewirken können – ja, das wäre schlicht lächerlich,
denn das wissen diese Leute und sie tun es tagein, tagaus und
allerorten. Die wirklichen Entscheidungsträger im Land beteiligen
sich vielleicht an der Kampagne, finanzieren oder fördern sie
anderweitig, sie sind aber ganz bestimmt nicht die Adressaten!
Die Unwahrheit, daß die ‚kleinen Leute’ etwas
bewirken können bildet also den Auftakt der Kampagne. Und dieser
Auftakt ist auch keinesfalls als Aufforderung zu verstehen, nach der
die angesprochenen arme Wichte dieser Republik aus ihrer mißlichen
Lage herauskommen sollen um selbst so groß, mächtig und wirkungsvoll
zu werden, wie es z.B. die Initiatoren der Kampagne bereits sind.
Eine Verwechslungsgefahr mit einer Art Gewerkschaftsbewegung, getreu
dem Motto „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“,
besteht da nun wirklich nicht. Die Adressaten sollen sich lediglich
ein neues, optimistischeres Bild von ihrer Lage machen, und dabei
soll diese Propaganda-Hymne helfen.
IV.
Unrealistisch sagst Du?
Und warum feuerst Du dann Deine Mannschaft im Stadion an, wenn
Deine Stimme so unwichtig ist?
Wieso schwenkst Du Fahnen, wenn Schuhmacher seine Runden dreht?
Du kennst die Antwort
Weil aus Deiner Flagge viele werden
und aus Deiner Stimme ein ganzer Chor
Hier wird zwar eingestanden, daß es auf einen
selbst als einzelnen vielleicht tatsächlich nicht so ankommen mag,
aber wenn alle zusammen – ja lustigerweise was machen? – im Stadion
Fahnen schwenken(!), dann soll aber sowas von die Post abgehen.
Wahnsinn – das ist vielleicht ein Einfluß! Leuten ist es
freigestellt, in ihrer Freizeit irgendwo hinzugehen um
Deutschland-Fahnen zu schwenken und Schumi zuzujubeln. Warum soll
man das? Na, weil man ein Deutscher ist. Eine solch dumme
Freizeitgestaltung wie geistige Haltung wird hier gleich zum
Beispiel dafür, welche ungeheure Macht die Menschen haben –
bemerkenswert!
V.
Du bist von allem ein Teil und alles ist ein
Teil von Dir[3]
Du bist Deutschland
Legen wir diese beiden Zeilen doch einfach mal
einem nüchternen Verstand zur Überprüfung vor.
Also es geht los mit „Du bist von allem ein Teil“
– nun würde man doch vernünftigerweise anfangen zu fragen: Was für
ein Teilchen bin ich eigentlich, welche Rolle spiele ich, wo bin ich
als Zahnrädchen in die große Deutschland-Maschine eingebaut, in was
für eine Art Maschine oder Gebäude oder sonstewas haben sie mich
eigentlich konkret eingebaut, so daß ich als Arbeitsloser,
Angestellter, als Beamter, Steuerzahler oder Mieter hierzulande
meine Pflichten zu erfüllen habe und meine zugestandene Freiheit
genau darin besteht, nach Feierabend vielleicht noch ein
Fußballspiel anzusehen oder Schumi zuzujubeln ? –
Nahezu alles ist in diesem Leben fix und fertig
eingerichtet und zwar nicht von denjenigen, die ihren
Stellenbeschreibungen und Pflichtenkatalogen genüge tun müssen,
sondern von denen die wirklich die Macht in diesem Lande haben. Und
was kommt dann? Du bist von allem ein Teil? Und alles ist ein Teil
von Dir? Du bist Deutschland? Sehr witzig!
Gerade mit der Totalabstraktion „Du bist von allem
ein Teil“ soll die Umdrehung behauptet werden, nach der „alles ein
Teil von mir“ ist. Der Adressat ist demnach dasjenige, was in
Deutschland wichtig und bestimmend ist, er soll sich mit
Verhältnissen identifizieren, in die er hineingezwungen ist und eine
untergeordnete Rolle spielt. Mit der Aufforderung zu sagen, daß man
selbst Deutschland ist, wird verlangt, jedwede potentielle wie
wirkliche Distanz der eigenen Person zu den Maßstäben und Anliegen
der Nation aufzugeben. Das ist, wenn man die Kampagne im ganzen
sieht, irre und größenwahnsinnig aber auch frech.
VI.
Die Kampagne umfaßt auch diverse weitere
Plakat-Anzeigen, z.B. eines, auf dem einem mitgeteilt wird: „Du bist
Goethe!“ –

Normalerweise würde man Leute, die von sich sagen,
daß sie Goethe seien als Verrückte, als Menschen mit einem
psychopathologischen Erscheinungsbild behandeln. Wer nicht mehr
unterscheiden kann, wer Goethe ist oder ob er selbst Goethe ist
(oder Napoleon oder Jesus) müßte damit rechnen, in die geschlossene
Anstalt eingewiesen zu werden. Hier wird geradezu darauf gedrängt,
diese Unterscheidung nicht mehr zu machen – Du bist Deutschland! Ein
funktionierendes Unterscheidungsvermögen würde einen erkennen lassen
können, daß man meistens der Geschädigte aber fast nie der
Nutznießer der eingerichteten Verhältnisse ist – dieses
Unterscheidungsvermögen soll aufgegeben werden. Für Fragen der Art
„Wir sind Deutsche – was haben wir davon?“, oder „Wir schuften in
den Konzernen für deutschen Reichtum – wer hat etwas davon? Wir?“
ist kein Raum, gefragt ist eine Distanzlosigkeit zu einem
Zwangsverhältnis. Man soll „Du“ sagen, zu den Zwängen, denen man
unterworfen ist und sie sich ganz zu eigen machen, die Identität
einer Person soll nicht in der konkreten Rolle bestehen, die man
hierzulande spielt, sondern darin, Deutschland zu sein.
VII.
Dein Wille ist wie Feuer unterm Hinterm
Jetzt wird auf einmal behauptet, Ausgerechnet den
Leuten, die zwar viel wollen können, aber mit ihrem Willen nichts
bewirken – man kann noch nicht einmal einfach einen Arbeitsplatz
wollen, man kann sich noch nicht einmal hinstellen und sagen, ich
will mir das erarbeiten, was ich zum leben brauche – wird nun
gesagt, daß ihr Wille wie Feuer unterm Hintern ist, daß ihr Wille
also gewissermaßen alles vermag. Einerseits ist das irrsinnig
übertreibend, ein Idealismus wie er verrückter nicht sein kann, die
„Welt als Wille und Vorstellung“ (Schopenhauer),. Andererseits ist
es aber auch zynisch, weil es Leuten gesagt wird, deren Willen
überhaupt nicht über die Mittel zur Verwirklichung von irgendetwas
Größerem verfügen.
VIII.
Egal wo Du arbeitest, egal welche Position Du
hast,
Du hältst den Laden zusammen,
Du bist der Laden
Du bist Deutschland
Anhand dieser Zeilen erkennt man, daß die
Kampagnen-Macher wissen, mit wem sie reden. Ganz sicher nicht mit
Aufsichtsratsmitgliedern, Vorstandsvorsitzenden, oder mit der
Bundeskanzlerin. Da gäbe es gewisse Unterschiede, aber die sollen
vollkommen egal sein! Diese Tour erinnert ein bißchen an
Betriebsweihnachtsfeiern, auf denen der Chef dem
schlechtbezahltesten Idioten der Firma, der brav seine Pflichten
erfüllt hat und nichts davon hat, anerkennend auf die Schulter
klopft und ein verlogenes Lob bereithält, „wenn wir Sie nicht
hätten!“ o.ä. Man soll sich gelobt fühlen dafür, daß man in seiner
nichtigen Stellung als Klofrau oder Obdachlosenzeitungsverkäufer
oder sonstewas zu Deutschland gehört und Mittel für andere Zwecke
ist. Du hältst den Laden zusammen? Bitte? Einfach dadurch, daß man
das tut, was man muß? Und darüber soll man sich dann auch gleich
noch mit dem ganzen Laden verwechseln? Du bist der Laden? Als wäre
man in der Situation, auch nur ansatzweise irgendetwas über den
Laden zu entscheiden! Und durch die Pflichterfüllung dem Betrieb
gegenüber wird man dann Deutschland? Du bist Deutschland? Die haben
sie doch nicht alle!
IX.
Unsere Zeit schmeckt nicht nach Zuckerwatte
Das will auch niemand behaupten,
mag sein, Du stehst mit dem Rücken zur Wand
Oder mit dem Gesicht vor einer Mauer
Hier wird deutlich, daß die Macher der Kampagne
die objektive Situation der Adressaten kennen. Als Werbeleute und
politisch denkende Menschen greifen sie diese auf, weil sie wissen,
daß ihre Gute-Laune-Hymne auf Leute trifft, die in ziemlich
ungemütlichen Situationen stecken können, z.B. auf die 5 Mio.
Arbeitslosen im Lande. Der Grund für dieses Bezugnehmen ist ein
ziemlich gemeiner. Denn es passiert ausschließlich deshalb, um all
denjenigen, die arme Würste sind, die nicht wissen wie es weiter
gehen soll – Du stehst mit dem Rücken zur Wand – zu sagen, daß ihre
miserable persönliche Lage doch kein Einwand für die Sache der
Kampagne sein kann und darf! Entsprechend werden alle Gründe, die
die Leute eventuell haben, nicht ganz so zufrieden zu sein wie die
Kampagnen-Macher selbst, veralbert – Unsere Zeit schmeckt nicht nach
Zuckerwatte – und zurückgewiesen: es wäre ja auch kindisch, wer
etwas anderes erwarten würde... Es geht eben gar nicht um die eigene
Person, es geht um die Nation, weshalb dann konsequenterweise im
TV-Spot der Ausspruch von Marcel Reich-Ranicki folgt:
Aber einmal haben wir schon gemeinsam eine
Mauer niedergerissen
Das stimmt zwar nicht, daß die Menschen einfach so
eine Mauer niedergerissen haben, da war schon einiges andere nötig,
aber Fakten sind schließlich eher schädlich, wenn es um das
Appellieren an das oder den Versuch des Generierens von
Nationalgefühl geht.
X.
Deutschland hat genug Hände
Um sie einander zu reichen und anzupacken
Wir sind 82 Millionen
Machen wir uns die Hände schmutzig
Du bist die Hand, Du bist 82 Millionen
Du bist Deutschland
82 Millionen Individuen gelten hier nur noch als
Kollektiv. Ihnen wird von oben, von den großen Herren zugerufen,
„Machen wir uns die Hande schmutzig!“ – das ist schon lustig, denn
das Kampagnen-Team und die wahren Entscheider und Macher im Land
selber machen sich doch nun wirklich nicht die Hände schmutzig,
zumindest nicht mit Arbeit. Und es ist gehässig: Als ob ausgerechnet
die Arbeitenden sich bisher zu fein gewesen wären zu arbeiten, wird
ihnen vorgeworfen bisher viel zu faul und phlegmatisch gewesen zu
sein. „Spuckt in die Hände, packt an, Ihr könnt doch was!“ – und was
soll der Lohn dafür sein? Deutschland, Deutschland über alles...
XI.
Also wie wärs, wenn Du Dich mal wieder selbst
anfeuerst Behandel Dein Land doch einfach wie einen guten Freund
Mecker nicht über ihn, sondern biete ihm Deine Hilfe an Bring die
beste Leistung, zu der Du fähig bist Und wenn Du damit fertig
bist, übertriff Dich selbst
Tja, so wird dahergeredet. In diesen Zeilen kommt
eine ebenso extrem verbreitete wie falsche Einstellung zum
Vorschein, die darin besteht zu denken, daß es nur auf einen selbst
ankäme, daß man sich nur etwas vorzunehmen, sich nur selbst
anzufeuern bräuchte, um dann Ungeheures bewirken zu können – einen
Scheißdreck können die Leute bewirken! Nichts können sie bewirken,
wenn ihnen nicht von oben eine Möglichkeit eingeräumt wird, sich für
andere nützlich machen zu ‚dürfen’, sich in den Dienst fremder
Zwecke zu stellen. Die dümmliche Haltung, sich als Subjekt der
Verhältnisse einzubilden, wird hier für die Parteinahme der
Totalabstraktion Deutschland benutzt, um eine Selbstvergessenheit,
die nicht mehr danach fragt, was man vom ‚Bewirken’ denn eigentlich
hat, zur Tugend zu erheben. Als gnadenlos überhöhtes
Selbstbewußtsein – ich und Deutschland, das ist dasselbe, und
Deutschland ist groß und mächtig, und deshalb vermag auch ich als
kleines Licht im Prinzip einfach alles – stellt dies nichts anderes
dar als eine Aufforderung zum kollektiven selbstbewußten
Selbstbetrug, damit diese Republik endlich die Spitzenlaune bekommt,
die sie verdient. Und warum verdient sie diese? Na klar, weil für
Deutschland sowieso und immer, auch im Hinblick auf den
internationalen Konkurrenzkampf der Nationen, nur der Siegerposten
vorgesehen ist – dazu muß das Ausland in diesem Spot noch nicht
einmal explizit vorkommen.
XII.
Die Maßstäbe, von der die Kampagne lebt, werden
unmißverständlich deutlich gemacht: Sie beginnt mit einem harmlosen
Schmetterling und endet bei Deutschland; sie erinnert an
Freizeitvergnügungen wie Fußballspielen und landet bei Deutschland;
sie spielt sogar drauf an, daß es in Deutschland haufenweise Leuten
dreckig geht und hört auf – natürlich - mit Deutschland. Deutschland
in seiner ganzen Abstraktion, die absieht von allen Unterschieden
und Gegensätzen, die in diesem Land eine Rolle spielen, ist also der
Beurteilungsmaßstab überhaupt und schlechthin für alles und jeden.
Für Deutschland soll man sich begeistern, und zwar alleine aus dem
schlechten Grund, daß man zufällig in den Geltungsbereich der
deutschen Staatsmacht hineingeboren oder anderweitig hineingeraten
ist. Dieses Abfallprodukt eines Zwangs-verhältnisses soll als ein
nicht mehr zu hinterfragender, ja sogar als der Gegenstand des
persönlichen Genusses aufgefaßt werden. Darin kommt ein ziemlich
bodenloses Anspruchsdenken der Kampagnen-Macher zum Ausdruck: Nicht
nur, daß man als Klofrau, Obdach- oder Arbeitsloser, Werftarbeiter,
Bauschlosser, Krankenschwester usw. allen praktischen Ansprüchen des
alltäglichen trostlosen Lebens sowieso nachkommen muß – wobei so
getan wird, als sei das Nachkommen der Pflichten, die man zu
verrichten hat, Ausdruck der eigenen Bereitwilligkeit – haben die
Macher und Nutznießer des Wahnsinns-Kollektivs namens Deutschland
offenbar auch noch ein Anrecht auf eine Bombenstimmung im Land.
Wenn man sich noch einmal ansieht, wie die Leute
in dem Spot vorkommen:
Dein Wille ist wie Feuer unterm Hinterm...
Er lässt Deinen Lieblingsstürmer schneller laufen Und Schumi
schneller fahren...
Egal wo Du arbeitest, egal welche Position Du hast...
Gib nicht nur auf der Autobahn Gas...
dann ist man bei all dem Irrsinn –
wecke den Tiger
in Dir und gib Gas, damit Deutschland Weltmeister wird – schon
geneigt, die versammelte Medienelite von Deutschland in die
Klapsmühle zu stecken. Dann wäre es rum. Da das nicht passieren
wird, bleibt vernüntigerweise nur, sich mit diesem nationalistischen
Schwachsinn zu befassen. Die Kampagne will ein Nationalgefühl, ein
stolzes Nationalbewußtsein implementieren, fördern und bedienen,
sieht deshalb brutalstens von allen wirklichen Determinanten des
sozialen Lebens, von allen Interessenkonflikten und Gegensätzen ab,
um nur noch Deutsche zu kennen, die als Deutscher deutsch und
positiv denken, ungeachtet ihrer persönlichen Lage. Von diesem
Denken ist dringend abzuraten! Gute Laune ist doch der schlechteste
Ratgeber, wenn es einem schlecht geht! Man sollte sich schlicht
fragen, was es dafür für Ursachen gibt und diese dann beseitigen –
nein, die Kampagnen-Macher haben da einen anderen Vorschlag: Nicht
meckern! Biete ihm, Deinem Freund Deutschland, Hilfe an! Den eigenen
Schaden, den man erleidet, das eigene Leid, das man erfährt, einfach
mal vergessen und sich trunken ins große nationale Kollektiv stürzen
– jawoll! So geht anscheinend zeitgemäßer Nationalismus: Der
distanzierte von gestern ist spätestens seit dem ‚Fall der Maurer’
eh vorbei, ein fahnenschwenkender könnte vielleicht doch – im
Hinblick auf die düstere Vergangenheit – ein schlechtes Licht auf
die Nation werfen; wir als Kampagnen-Macher bieten Euch einen
anderen, neuen, modernen, nämlich einen Nationalismus der guten
Laune an, ihr müßt Euch nur einbilden, Teil des großen Ganzen zu
sein, selbst so toll wie Deutschland zu sein! Das ist das Angebot
des deutschen Geistes an die deutschen Bürger – und manch einer
nimmt es so an und macht sich damit zum Affen, zum nützlichen,
patriotischen Idioten. Sollte man sich wirklich überlegen, ob man
dabei sein will.
XIII.
Das Medienecho, das die Kampagne ausgelöst hat,
war groß, traf aber nicht auf ungeteilt positive Reaktionen. Gerade
im Feuilleton einiger Zeitungen fanden sich eher kritische Stimmen,
die meinten, daß das ganze eher abschreckend wirkt, die Kampagne
eher schlecht gemacht ist, zu dumpfe Töne, z.T. einfach
geschmacklose und dumme Einfälle mit dem Spot präsentiert werden.
Die Parallelen zu Botschaften aus der Zeit des Faschismus sind zwar
unübersehbar, doch gibt es eine Reihe interessanter Unterschiede. Es
ist ja z.B. gar nicht so, daß die Kampagne von einem staatlichen
Propagandaministerium in Auftrag gegeben wurde, das nun das
massenhafte Ausstrahlen und Plakatieren befiehlt und umgekehrt alle
negativen Beiträge zensiert. Diese Gleichschaltung, die sich da
vollzieht, wurde höchstselbst und aus freien Stücken von Leuten ins
Werk gesetzt, die schon von Berufs wegen mit der Stimmung und Laune
im Land befaßt sind, was ihnen nun offensichtlich etwas zu Kopfe
gestiegen und sich auf die Socken machen und den „Bürgern Optimismus
einräuchern, als sei der Sozialismus wiederauferstanden“ (Die ZEIT),
ohne vom Staat dazu verdonnert worden zu sein. Und es gibt weitere
Unterschiede. Anders als im ‚3. Reich’ wird hier nicht auf das
total-nivellierte Kollektivmitglied gezielt, sondern es werden die
modernen Konkurrenztugenden zur Sprache gebracht – wer es im Leben
zu etwas bringt ist ein ‚Siegertyp’, wer es zu nichts bringt ein
‚Verlierertyp’. Dieses Selbstbewußtsein von modernen Individuen, daß
sie alles in der Hand hätten und sie selber der Schlüssel zum Erfolg
wären, sie selbst quasi der Generator von allen Erfolgen und
Mißerfolgen wären, das wird von den Kampagnen-Machern aufgegriffen
und ganz brutal übergeführt in: sei so – vertraue auf deine
Fähigkeiten, deine Willenskraft, deinen Ehrgeiz, deine Disziplin und
deine Ausdauer – und leiste damit etwas für Deutschland.
XIV.
Seien die Bemühungen dieser Kampagne auch noch so
grotesk. Von ihrer Wirkung dürften die Macher nichtsdestotrotz
überzeugt sein, sie glauben wirklich, daß sie damit eine
Manipulation des Geistes der Angesprochenen hinbekommen. Und eines
läßt sich ja auch nicht leugnen: für das Funktionieren der
demokratischen Marktwirtschaft ist es notwendig, daß die Opfer, die
sie hervorbringt, mitmachen statt das Verhältnis aufzukündigen. Und
damit sie mitmachen brauchen sie ein falsches Bewußtsein. Und dessen
Pflege widmet sich nun diese Kampagne. Vielleicht dienen diese
Tatsachen ja dem einen oder anderen als sachdienlicher Hinweis,
nicht nur bezüglich der Einschätzung zur Kampagne...
Dieser Text basiert auf der entsprechenden Sendung von
Radio X 91,8 FFM
zum Thema.
----
Fußnoten:
[1]
Es ist tragisch, daß es Monty Python’s Truppe wie so vielen anderen
großen Komödianten ergangen ist: Das, was sie als Ironie gedacht
haben, das ist allen ernstes in der öffentlichen Wahrnehmung peu à
peu übergegangen in diese elendige Oma-Weisheit, wonach es am Ende
immer schwer drauf ankommen soll, daß man sich positiv zum Leben
stellt, wie beschissen dieses Leben auch ablaufen mag.
[2]
Der sog. „Schmetterlingseffekt“ auf den hier bezug genommen wird und
immer wieder gerne im Zusammenhang mit der Chaostheorie zitiert
wird, ist korrekterweise als Metapher und nicht wortwörtlich
aufzu-fassen, s.a.
http://de.wikipedia.org/wiki/Schmetterlingseffekt
[3]
Diese Zeile wird in dem TV-Spot von einem offenbar an Trisomie-21
erkrankten Menschen vorgetragen, der zusammen mit einem Menschen mit
dunklerem Teint (Xavier Naidoo) und zwei weiteren Prominenten
(Patrick Lindner und Dominic Raacke) im Stelenfeld des
Holocaust-Mahnmals in Berlin steht. Man traut seinen Augen kaum. Die
Kampagnen-Macher scheinen die BRD allen Ernstes dafür loben zu
wollen, dass – im Gegensatz zu Hitlers Zeiten – Behinderte und
Ausländer nicht gleich vergast werden. |