Renate Dillmann: Warum Gesundheit gar nicht unser „teuerstes Gut“ ist
Von webmaster • Jan. 24th, 2022 • Kategorie: AllgemeinRenate Dillmann:
Warum Gesundheit gar nicht unser „teuerstes Gut“ ist
In der Pandemie scheint der Schutz des Lebens oberstes Gebot. Blickt man auf den Umgang mit dem menschlichen Wohlbefinden im Kapitalismus, relativiert sich dieses Postulat. Ob die „Ernährungs-Docs“ uns „mit Super-Food“ „supergesund“ machen, die „geheime Kraft der Atmung“, „Augen-Yoga“ oder der „Darm mit Charme“ auf uns warten: Gesundheits-Ratschläge boomen – in Zeitschriften, Büchern oder von alternativen Heilern aller Art. Bei denen, die Zeit dafür haben oder es sich leisten können, wird eine Welle „gesunder Ernährung“ nach der anderen ausprobiert und im Freundinnen-Kreis weiter gereicht. Und nicht erst seit Corona-Zeiten ist Gesundheit das Gesprächsthema Nummer 1 (neben dem miesen Wetter). Warum ist das so? Wogegen wird da so stetig angekämpft? Und leben wir nicht in einer Gesellschaft, die über gut ausgebildete Mediziner und ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem verfügt?
Leistungen der modernen Medizin
Kapitalismus macht krank
– Konsum im Kapitalismus macht krank
– Lohnarbeit macht krank
– Auch die „Umwelt“ – Luft, Gewässer, Böden usw. – machen zunehmend krank
Die so genannten Volks- oder Zivilisationskrankheiten
Ärzte mit Grenzen
Patienten: robustes Verhältnis zur Gesundheit
Harte Resultate
Nicht erst seit Corona und den „Querdenkern“ gehen die Mitglieder dieser Gesellschaft hart mit ihrer Gesundheit und der anderer um. Sie buchen all das, was Körper und Seele attackiert, offensichtlich als (zumindest für sie nicht zu ändernde) Notwendigkeiten ab – ganz so, als sei diese Gesellschaft mit all ihren Rechnungen und Zwängen natürlich oder schicksalhaft gegeben. Und das ist auch so. Jedenfalls, wenn und weil sie das zulassen.
Dr. Renate Dillmann hat zusammen mit Dr. Arian Schiffer-Nasserie das Buch „Der soziale Staat – Über nützliche Armut und ihre Verwaltung“ geschrieben (VSA 2018):
https://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/der-soziale-staat/
Siehe dazu auch:
Suitbert Cechura: „Unsere Gesellschaft macht krank: Die Leiden der Zivilisation und das Geschäft mit der Gesundheit“
https://www.amazon.de/Unsere-Gesellschaft-macht-krank-Zivilisation/dp/382884149X
Renate Dillmann: Das Gesundheitwesen als Reparaturbetrieb
Medizinische Vorsorge zwischen staatlichem Auftrag und Profitstreben (Teil 2)
Es gibt etliche Beschwerden über das deutsche Gesundheitssystem. Die einen beklagen zu wenig Krankenhäuser, die anderen zu viele; die einen schimpfen darüber, dass sie als Kassenpatienten zu lange auf Facharzt-Termine warten müssen, die anderen über die deutsche Überversorgung; die Wirtschaftsliberalen sehen in der Gesundheitspolitik übelsten Sozialismus am Werk, die Linken reden von Staatsversagen.
Einfach nur die übliche Nörgelei? Oder gibt es Gründe dafür, warum es das Gesundheitssystem in dieser Gesellschaft keinem recht machen kann?
Während der Coronapandemie wurden die Klagen über die Lage der Krankenhäuser, der Intensiv-Stationen und die schlechten Bedingungen des Pflegepersonals immer lauter. Vielfach wurde verlangt, die „neoliberale Privatisierungs-Strategie“ rückgängig zu machen.
Das unterstellt, dass mit staatlichen bzw. kommunalen Betreibern alles besser würde. Auch wenn das in einigen Punkten zutreffen mag, greifen Problem-Diagnose wie Lösungsvorschlag eindeutig zu kurz. Denn eine Entgegensetzung Staat contra Privat trifft den Kern der Sache nicht – zur Begründung im Folgenden einige grundsätzliche Gedanken zum deutschen Gesundheitssystem.
Gesundheit als Staatsaufgabe
Medizinische Versorgung als Geschäft
Gutverdienende Halbgötter
Deutsche Pharma – Weltspitze!
Kein Wunder auch, dass Pharmakonzerne keineswegs bereit sind, ihre teuer entwickelten Produkte Patienten aus armen Ländern zur Verfügung zu stellen, die zwar krank, aber nicht entsprechend zahlungsfähig sind. Das Massensterben der Menschen in der 3. Welt an Krankheiten, die für ein paar Dollar mit Medikamenten westlicher Konzerne heilbar wären, kennzeichnet den im Wortsinne „eigentümlichen“ Charakter des „medizinischen Fortschritts“ im Kapitalismus.
Und zwar lange, bevor all das im Fall Corona nochmal jedem, der es begreifen will, aufs Butterbrot geschmiert wird: ein deutsches Pharma-Kapital, das schnell einen Impfstoff entwickelt hat und nun „an der Goldgrube“ seine Gewinne einstreicht, während die deutsche Politik schützend ihre Hand über das Impfstoff-Patent hält – gegen Südafrika (Omikron lässt grüßen!) Indien und weitere 100 Staaten (selbst die USA) sowie sämtliche wichtigen NGO’s, den Papst und einen ganzen Haufen Nobelpreisträger, auf die man sich ansonsten ja fürchterlich gerne bezieht (wenn es passt) …
Teil 3: Krankenhäuser als profit center
https://www.heise.de/tp/features/Das-Gesundheitwesen-als-Reparaturbetrieb-6446476.html
Renate Dillmann: Krankenhäuser als Profitcenter
Wie der Versuch, die Kosten des Gesundheitswesens zu kontrollierten, die deutsche Hospitäler in fast vorbürgerliche Zustände geführt hat (Teil 3 und Schluss).
Krankenhäuser haben sich seit der Einführung von Fallpauschalen 1997 verstärkt zu Unternehmen mit dem Ziel der Gewinnerwirtschaftung gewandelt; Pflegeeinrichtungen sind es seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 ebenfalls. Das hatte Konsequenzen. Wenn nämlich die soziale Dienstleistung Mittel einer Geschäftskalkulation ist, dann ist der Zweck einer ambulanten Pflegestation, eines Krankenhauses, eines Altenpflegeheims nicht mehr zwingendermaßen die möglichst gute, dem Patienten zugewandte Pflege oder Behandlung.
Der Zweck ist vielmehr, mit der Pflege eines alten oder behinderten Menschen oder einer Hüft- bzw. Blinddarm-Operation einen Überschuss zu erwirtschaften.
Von diesem gewollten Zweck her muss alles, was dafür notwendigerweise gebraucht wird, als Kosten in den Blick genommen werden – seien es die Löhne der Ärzte und des Pflegepersonals bis hin zum Putzdienst und anderen Hygienemaßnahmen, seien es die Krankenhausbetten, die auch einmal unbenutzt dastehen – was unter diesen Bedingungen kein Glück, sondern eine mittlere Katastrophe ist, weil leere Betten einfach nur dastehen, ohne für Einnahmen zu sorgen.
Diese Kosten müssen selbstverständlich ständig minimiert werden. Das hat zu einer Art von Generalrevision in allen Einrichtungen geführt.
Neoliberalismus: Sündenfall für das Gesundheitssystem?
Der selbstproduzierte Pflegenotstand
Besonderheiten des Gesundheitsmarktes
Reformen als Daueraufgabe
Inzwischen ist sich die Politik parteiübergreifend einig geworden, dass eine allgemeine Gesundheitsversorgung auf Basis des bisherigen Systems „nicht zu leisten ist“. Die Wahrheit ist: Die vom Lohn verstaatlichten Teile geben es beim aktuellen Lohnniveau schlicht nicht her, die Leistungen des Gesundheitsmarkts mit seinen staatlich anerkannten Gewinnansprüchen zu finanzieren, wenn die Löhne gleichzeitig dafür taugen sollen, dass Deutschland weiter Europas stärkste Wirtschaft ist und weltmeisterliche Exportüberschüsse bilanziert.
Der vorläufige politische Schluss daraus: Aufsplittung in eine medizinische Grundversorgung über die Krankenkassen und eine private Zusatzversorgung, die jeder aus seinem eigenen Geldbeutel in „eigener Verantwortung“ zu leisten hat; oder auch nicht.
So kann der Einzelne zeigen, wie viel ihm seine Gesundheit – bekanntlich unser höchstes Gut – tatsächlich wert ist und die plurale Zivilgesellschaft wird mit Sicherheit noch ein Stück vielfältiger, wenn wieder mehr Menschen ohne Zähne, aber mit viel Würde durch die Fußgängerzonen spazieren.
https://www.heise.de/tp/features/Krankenhaeuser-als-Profitcenter-6446484.html?seite=all
Renate Dillmann: Arbeitsunfälle in Deutschland: Mehr als ein Toter pro Tag
Am 17.10. dieses Jahres starb der bulgarische Arbeiter Refat S. unter bisher ungeklärten Umständen im Duisburger Stahlwerk von Thyssenkrupp. Er war 26 Jahre alt, es war sein zweiter Arbeitstag. Refat S. wurde im Schlackebecken gefunden, die Polizei ermittelt noch. In jeder Woche sterben durchschnittlich 10 Arbeiter auf Baustellen, in Stahlwerken, Chemiefabriken, Schlachthöfen. In der Regel sind es Männer. Oft Migranten, die unter besonders hohem Arbeitsdruck in besonders wenig gesicherten Bereichen arbeiten. Öffentlich interessiert das tägliche Sterben in der BRD nicht groß – jedenfalls deutlich weniger als der natürliche Tod einer uralten Monarchin. Von Renate Dillmann.
Am 17.10. dieses Jahres starb der bulgarische Arbeiter Refat S. unter bisher ungeklärten Umständen im Duisburger Stahlwerk von Thyssenkrupp. Er war 26 Jahre alt, es war sein zweiter Arbeitstag. Refat S. wurde im Schlackebecken gefunden, die Polizei ermittelt noch. In jeder Woche sterben durchschnittlich 10 Arbeiter auf Baustellen, in Stahlwerken, Chemiefabriken, Schlachthöfen. In der Regel sind es Männer. Oft Migranten, die unter besonders hohem Arbeitsdruck in besonders wenig gesicherten Bereichen arbeiten. Öffentlich interessiert das tägliche Sterben in der BRD nicht groß – jedenfalls deutlich weniger als der natürliche Tod einer uralten Monarchin. Von Renate Dillmann.
In Duisburg hat es einige durchaus beachtliche Demonstrationen gegeben, in denen Aufklärung und besserer Arbeitsschutz gefordert wurden – davon war in den Blättern der „Funke-Mediengruppe“, die das Ruhrgebiet geistig betreuen, nicht sonderlich viel zu lesen. In die überregionalen Nachrichten der Tagesschau oder des Heute-Journals bringt es ein solcher Protest natürlich erst recht nicht – kein Wunder, er greift ja nicht missliebige Potentaten in Russland, Iran oder China an…
Im Normalfall sind jedenfalls mehr als ein paar Zeilen in der Lokalpresse nicht zu erwarten: „Mann stirbt bei Arbeitsunfall in 30 Meter tiefem Versorgungstunnel“ (22.7.22 Berlin); „Tödlicher Baustellen-Unfall: Arbeiter (47) von Betonbalken erschlagen (21.9.22 München) und so weiter. (…)
Unfallursache Kapitalismus
Staat muss Arbeitsschutz erzwingen
Das Dilemma der Beschäftigten
Fazit
Mit seiner Gesetzgebung zum Arbeitsschutz legt der moderne Sozialstaat die Bedingungen dafür fest, wie Benutzung und Verschleiß der Arbeitskräfte so vonstatten gehen, dass das Ganze gewissermaßen „nachhaltig“ passieren kann. Das schließt offenbar – siehe die Statistik der Gesetzlichen Unfallversicherung – nach wie vor eine erkleckliche Zahl an Arbeitsunfällen mit gesundheitlichen Folgen ein und auch ein paar hundert Tote pro Jahr.
Das ist auch kein Wunder, denn am Zweck der Arbeitsplätze in seiner Wirtschaft ändert ein solches Gesetz ja erklärtermaßen nichts: Mit der Arbeit der Leute soll Gewinn erwirtschaftet werden – und das bedeutet unter den Bedingungen der globalen Standortkonkurrenz nichts Gutes für die Beschäftigten. Die wiederum müssen sich angesichts des brutalen Unterbietungswettbewerbs, in dem sie „normal“ und erst recht als migrantische Wanderarbeiter stehen, auf alle Bedingungen einlassen und schauen, wie sie damit klarkommen. Für Refat S. ist das nicht aufgegangen.
Es ist schon ein ziemlich robustes Verhältnis zur fremden wie eigenen Gesundheit, wozu die marktwirtschaftliche Konkurrenz ihre Subjekte nötigt…
Lesetipp:
Dillmann,Renate/Schiffer-Nasserie, Arian: Der soziale Staat.
Über nützliche Armut und ihre Verwaltung. Ökonomische Grundlagen/Politische Maßnahmen/Historische Etappen. VSA-Verlag, Hamburg 2018
https://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/der-soziale-staat/
https://www.nachdenkseiten.de/?p=90247